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Der Oligarch

Vadim Rabinovich bricht das Schweigen

Der Oligarch Cover
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299 Seiten, 21,4 x 14,2 cm
Gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3203815275
Erschienen 2001
Europa Verlag Hamburg

Noch nie zuvor hat ein Oligarch aus der Ex-UdSSR Interna verraten. Die Oligarchen schweigen und halten ihr Wissen geheim. Einer aber ist jetzt bereit auszupacken: Vadim Rabinovich.

Presse
Interview mit dem Bayerischen Rundfunk
Michael Böttcher befragte Jürgen Roth

600 000 Mark wurden dem Publizisten Jürgen Roth geboten, damit er sein neues Buch nicht veröffentlicht. Die Geldanbieter sind wahrscheinlich Mitglieder der russischen Mafia. Sie hatten Angst, dass Jürgen Roths Informant zu viel geplaudert haben könnte. Über anderthalb Jahre hat Roth Informationen gesammelt und er hat viele Gespräche geführt mit Vadim Rabinovich, einem Oligarchen aus der Ukraine. Oligarchen, wichtige Wirtschaftsbosse, haben den Ruf, auf unsaubere Art Geld zu machen. Sie nutzen dann ihre wirtschaftliche Stärke auch zur politischen Macht und schaffen dadurch ein korruptes System. Jürgen Roth beschäftigt sich seit Jahren mit der Russenmafia und ihren führenden Köpfen, und er hat darüber erhellende Bücher veröffentlicht. In seinem neuen Buch beschreibt er den Werdegang von Vadim Rabinovich, einen dieser Oligarchen, der ihm erstaunlich offen Auskunft gegeben hat.

Michael Böttcher: Warum bricht er sein Schweigen?

Jürgen Roth: Ich glaube, dass er mit der Situation in den postkommunistischen Ländern unzufrieden ist, von denen er auf der einen Seite profitiert hat, auf der anderen Seite will er andere, glaube ich, demokratische Verhältnisse und sieht, dass seine anderen Oligarchen-Kollegen, nennen wir sie mal so, bisher über die Herkunft ihres Geldes, über ihre Entwicklung, wie sie zu dem geworden sind, was sie heute sind, alle schweigen oder allenfalls Propagandaartikel darüber schreiben lassen. Und das war, glaube ich, eine seiner wesentlichen Entscheidungen. Eine andere Entscheidung war, er wollte sich reinwaschen, das denke ich schon. Er steht ja auch unter dem Verdacht, dass er mit kriminellen Organisationen mehr oder weniger enge Beziehungen unterhält, das schadet heutzutage bei Geschäftsverbindungen ins westliche Ausland und von daher hat er, glaube ich, ein Interesse daran gehabt, aus seiner Sichtweite darzustellen, wie die Situation für einen Oligarchen oder einen erfolgreichen Geschäftsmann ist.

Michael Böttcher: Es gab und es gibt viele Anschuldigungen gegen diese Oligarchen, vieles davon wurde auch wieder fallengelassen von den Gerichten. Steckt da auch ein Eigeninteresse vom Westen dahinter?

Jürgen Roth: Gucken Sie, die Oligarchen verfügen heute über die Schlüsselindustrie in den postkommunistischen Ländern, über die wichtigen Industrien, auf die der Westen angewiesen ist, Energie beispielsweise, Telekommunikation, wo es gute Geschäfte zu machen gibt, und von daher besteht aus wirtschaftspolitischen Interessen kein Grund jetzt die Oligarchen zu verdammen. Es wird mal einer rausgegriffen, der vielleicht im Pokerspiel stört, der wird ins Gefängnis gebracht, wenn's hoch kommt, aber meistens flüchtet er vorher, und damit hat es sich eigentlich getan, also es ist ein Spiel, es ist ein Machtspiel. Das Organisieren hat Rabinovich in ukrainischen Gefängnissen gelernt. Zu Geld gekommen saß er auf Präsident Kutschmas Sofa und er hatte auch Kontakte zu Politikern und Wirtschaftsgrößen im Westen. Rabinovich handelt mit Rohstoffen, die in der Ukraine im Überfluß vorhanden sind. Das hat ihn sehr wohlhabend gemacht und sehr einflussreich. Mittlerweile besitzt er auch Fernsehstationen.

Michael Böttcher: In Ihrem Buch klingt durch, dass Rabinovich als ein Vertreter der Oligarchen einen sehr merkwürdigen Gesetzesbegriff hat. Auf der einen Seite, ein richtiges Verbrechen, so steht auf einer Seite, ist ein Mord, zum Beispiel, aber wenn man ein paar Milliarden verschiebt, ist das im Prinzip ein Kavaliersdelikt. Haben sich die Koordinaten so stark verschoben, oder ist das nur flapsig gemeint gewesen?

Jürgen Roth: Nein, da haben sich die Koordinaten verschoben, darauf weist er wie übrigens andere Oligarichen auch immer darauf hin, dass wir im Westen mit unserem Rechtstaatsverständnis die Situation in den Ländern der ehemaligen UdSSR überhaupt nicht begreifen können. Das habe ich inzwischen bei Rabinovich auch gelernt, also wenn ich mich in seine Situation hineinversetzt habe, dann habe ich mir auch überlegt, ich hätte gar nicht anders agieren können, wollte ich geschäftlich erfolgreich sein, und es ist ja Kapitalismus pur, also es wird ja von allen gepredigt, warum also auch nicht. Dann muss ich mich bestimmter Mechanismen bedienen. Eins dieser Mechanismen ist die Korruption, das andere sind die politischen Machtfaktoren. Der politische Machtfaktor ist die Nomenklatura gewesen und sind sie jetzt eben die staatlichen Entscheidungsträger und sind die kriminellen Autoritäten - und mit denen muss ich mich einlassen, sonst kann ich keine Geschäfte machen. Das ist die Lehre, die Vadim Rabinovich erfahren hat, die er durchexerziert hat, und zwar perfekt, ich muss es ja nicht akzeptieren, aber ich kann es moralisch verurteilen, aber ich mu es verstehen, zumindest.

Michael Böttcher: An manchen Stellen weisen Sie in Ihrem Buch zart darauf hin, dass Korruption und Bestechung im Westen auch nicht so unüblich ist, gleichen sich da die Systeme an?

Jürgen Roth: Also ich glaube schon, dass sich da die Systeme angleichen, also ich kann mich inzwischen fürchterlich aufregen, wenn wir mit dem Finger immer nach dem bösen Osten schauen, ihr seid so korrupt und was ihr da alles macht, da werden Politiker bestochen, da werden Beamte bestochen, und zwar mit viel Geld, und bei uns in Europa ist es ja relativ, wenn man mal genau hinschaut nicht viel anders, zumindest von den Strukturen her. Und aufgrund des enormen Geldes, des Kapitals, das durch kriminelle Machenschaften erwirtschaftet werden, fließen natürlich unendlich viel Korruptionsgelder auch hier in den Westen, und das nimmt jeder entgegen, das nehmen die Banken entgegen, das nehmen die Finanzdienstleistungen entgegen, ob es Politiker entgegennehmen in Deutschland, weiß ich nicht, in Belgien ist es ganz sicher, wo sie bestochen werden von der russischen Mafia, also deswegen bin ich da sehr vorsichtig inzwischen und weigere mich, entsprechend auch zu sagen, hier die bösen Oligarchen. Die bösen Oligarchen sind die gleichen, die mit unseren Großunternehmen, Großkonzernen beste Geschäfte machen. Also ganz so schlimm kann es ja dann nicht sein.

Michael Böttcher: Sie schreiben, der Westen sei mit seinen Krediten nach dem Zerfall des ehemaligen Ostblocks mitschuldig an dieser ganzen Entwicklung. Könnten Sie das mal erläutern?

Jürgen Roth: Gucken Sie, wieviel Milliarden der deutsche Steuerzahler beispielsweise nach Russland oder in die Ukraine bezahlt hat, zum Aufbau der Demokratie und der freien Marktwirtschaft. Was ist davon übrig geblieben. Was man weiß ist, es ist überwiegend in die Hände der Oligarchen gegangen. Was haben die Oligarchen gemacht, sie haben doch nicht in Russland oder der Ukraine oder in Tatschikistan oder wo auch immer investiert, sondern sie haben das Geld rausgezogen und hier im Westen auf Banken, ob in Deutschland oder in Luxemburg, in Liechtenstein, da lagert es und wird hier dann entsprechend investiert. Ein reiches Land blutet aus, wird ausgeblutet, nichts ändert sich an dieser Situation, ob das Jelzin war, ob das heute Putin ist, ist eigentlich ziemlich gleichgültig, und deswegen, weil es nicht projektbezogene Gelder sind und weil sie nicht kontrolliert werden, nicht in ausreichendem Maße kontrolliert werden, ist der Westen natürlich mitschuldig an dieser Situation. Und das ist etwas, was Rabinovich auch erzählt. Er sagt, man muss ja eine bürgerliche Gesellschaft aufbauen. Wie baut man eine bürgerliche Gesellschaft auf? Indem unabhängige Medien vorhanden sind. Er ist ja selbst von Besitzer von Fernsehanstalten, von Radiostationen und sagt, die schreiben, was ich will. Wie bei den anderen Oligarchen auch, da wird geschrieben, was die wollen. Und um eine Bürgergesellschaft aufzubauen, brauchst du eine freie Presse, und da sollte der Westen sein Geld hintun, um es dort aufzubauen, daß wäre im Grunde genommen viel wichtiger und viel effizienter als die Milliardensummen, die ja mehr oder weniger ungehindert hinfließen.

Michael Böttcher: Was wollen Sie mit Ihrem Buch bezwecken?

Jürgen Roth: Ich will auf der einen Seite ein bisschen weg von dem Schwarz-Weiß-Denken - die bösen Oligarche, der gute Westen, die bösen Mafiosi auf der einen Seite, und die gute Polizei auf der anderen Seite, ich glaube, so einfach ist die Welt nicht, und das zeigt sich am Beispiel Vadim Rabinovich, daß viel gespielt wird, dass viel manipuliert wird, dass viel behauptet wird, was dann im Grunde genommen, wenn man genauer hinschaut, überhaupt nicht mehr zu beweisen ist. Ich bring mich ja selbst ein und zeige ja selbst meine Widersprüche auf, dass ich sage, vorher hätte ich natürlich geglaubt, hätte ich Vadim Rabinovich nicht so intensiv kennengelernt, das ist ein großer Mafioso, ist ein zentrales Bindeglied zwischen kriminellen Organisationen und den legalen Strukturen. Inzwischen bin ich von diesem Schwarz-Weiß-Denken weggekommen, ich versuche Einblicke zu geben in eine Welt, die uns eigentlich fremd ist, zumindest hier im Westen. Und dass auch ein bisschen Verständnis für die Menschen, auch die Oligarchen, geweckt wird, denn ich glaube, nur wenn man sich das relativ genau auschaut, also die Geschichte dieser wenigen Männer, dann begreift man außerdem, wie groß die Gefahr auch für die Demokratie ist. Und ich denke, das ist das Wichtigste, nicht schwarz-weiß, sondern differenzieren, aber dann auch etwas tun, und sagen, wir können nichts mehr tun.

Michael Böttcher: Was könnte man tun?

Jürgen Roth: Ich denke, der Westen muss polizeilich mit den Mitteln, die er hat, weitaus intensiver die wirklich kriminellen Strukturen bekämpfen. Es kann nicht angehen, dass Milliardenbeträge schmutzigen Geldes hier auf deutschen Banken lagern oder auf europäischen Banken, dass die Ermittlungsbehörden erst dann informiert werden, wenn die Geschäfte in der Regel alle schon gelaufen sind, es kann nicht angehen, dass wir mit russischen Unternehmen zusammenarbeiten, also Kooperationen eingehen, wo sie mehr oder weniger kriminell durchseucht sind. Ich denke, das sind alles Konsequenzen, die sich daraus ergeben, wo man etwas tun muss und die Öffentlichkeit muss endlich mal begreifen, dass das kein Horrorszenario ist, was da aufgebaut wird, sondern dass das schon Realität ist, und wenn man die Realitäten nicht erkennt, dann kann man sie zwangsläufig auch nicht bekämpfen.

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